Anzeige
Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, hat die Inflation in seinem eigenen Land nicht im Griff. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Inflation in der Türkei bei 78 Prozent – tatsächlich aber wohl mehr als doppelt so hoch

Die Inflation in der Türkei hat im Juni 78,62 Prozent erreicht. Das war der höchste Preisanstieg seit 1998. Damals stiegen die Verbraucherpreise um 80,4 Prozent. Die Energiekosten verteuerten sich in diesem Juni gegenüber dem Vorjahr um 151 Prozent, die Preise im Bereich Verkehr stiegen um 123,4 Prozent. Für Lebensmittel und Getränke mussten die Menschen gegenüber dem Juni 2021 fast 94 Prozent mehr bezahlen.

Ein Abflauen der Inflation ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Produzentenpreise stiegen im Juni um 138 Prozent. Sie fließen in der Regel zeitverzögert in die Verbraucherpreise mit ein. Das lässt in den kommenden Monaten einen weiteren Anstieg der Inflation erwarten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für dieses Jahr der Türkei eine der weltweit höchsten Inflationsraten nach Venezuela, Sudan und Zimbabwe.

Liegt die tatsächliche Inflationsrate bei 175,55 Prozent?

Aber die Daten, die das staatliche Statistikamt Türkstat am Montag veröffentlichte, sind möglicherweise nur die halbe Wahrheit. Nach Berechnungen der regierungsunabhängigen Forschungsgruppe Enag lag die tatsächliche Inflationsrate im Juni bei 175,55 Prozent. Auch die Mehrheit der Bevölkerung misstraut den offiziellen Zahlen von Türkstat.

In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Metropoll sagten jetzt 69 Prozent der Befragten, sie glaubten den Inflationszahlen von Enag. Nur 24 Prozent halten die Türkstat-Berechnungen für korrekt. Selbst unter den Anhängern der Regierungspartei AKP trauen 46 Prozent den offiziellen Daten nicht mehr.

Chef der Statistikbehörde in fünf Jahren vier Mal ausgetauscht

Verstärkt wird das Misstrauen, weil Staatschef Erdogan in den vergangenen vier Jahren fünf Mal den Chef der Statistikbehörde austauschte. Auch in den Führungsetagen gab es ständige Personalwechsel, vor allem in der für die Inflationsberechnung zuständigen Abteilung. Wie viele Schwellenländer leidet die Türkei jetzt besonders unter den weltweit stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen. Verschärft wird der Inflationsdruck durch Erdogans ständige Eingriffe in die Unabhängigkeit der Notenbank.

Der Staatschef hat die Geldpolitik weitgehend an sich gezogen. Auf seinen Druck halten die Währungshüter die Leitzinsen seit Januar unverändert bei 14 Prozent. Normalerweise versuchen Notenbanken, die Inflation mit Zinserhöhungen zu bremsen. Erdogan, der nach eigenen Angaben Wirtschaftswissenschaften studiert hat, vertritt dagegen die unorthodoxe Ansicht, dass höhere Zinsen zu höherer Inflation führen.

Erdogans Eingriffe in die Geldpolitik schwächen die türkische Währung. Die – im Vergleich zur Inflation – niedrigen Leitzinsen machen die Lira unattraktiv für ausländische Anleger. Sie verlor im vergangenen Jahr gegenüber dem Dollar 44 Prozent ihres Werts. In diesem Jahr beträgt die Abwertung bereits weitere 20 Prozent. Der Wertverfall verteuert Importe und heizt so die Inflation weiter an – ein Teufelskreis.

Teuerung wird zu immer größerem politischen Problem

Für den Staatschef wird die Teuerung zu einem immer größeren politischen Problem. Spätestens im nächsten Frühjahr stehen in der Türkei Parlaments- und Präsidentenwahlen an. Laut einer Umfrage vom Juni sind 51,6 Prozent der Befragten mit Erdogans Amtsführung unzufrieden.

Mit steigenden Preisen fallen auch die Zustimmungswerte für die Regierungspartei AKP. In einer Erhebung von Ende Juni kommt die Partei nur noch auf 32,1 Prozent, gegenüber 42,6 Prozent bei der Wahl von 2018. Die Regierung versucht gegenzusteuern.

Im Januar hatte sie den Mindestlohn bereits um 50,5 Prozent angehoben. Vergangenen Freitag verkündete Erdogan eine weitere Erhöhung um 30 Prozent. Nach der jüngsten Erhöhung beträgt der Netto-Mindestlohn jetzt 5500 Lira, umgerechnet 313 Euro. Rund 40 Prozent aller Arbeitnehmer in der Türkei bekommen diesen Mindestlohn. Aber der jetzt beschlossene Nachschlag wird durch die Geldentwertung schon bald wieder aufgezehrt sein.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Von Gerd Höhler/RND