Das russische Gefängnis Vladimir Gerdo. Quelle: Vladimir Gerdo / TASS / dpa picture alliance

Namenlos in den Tod: Putin schickt Strafgefangene an die Front

Russlands Staatspräsident Wladimir Putin lässt personellen Nachschub für die Front im Donbass neuerdings auch unter russischen Strafgefangenen rekrutieren. „Entsprechende Hinweise kommen derzeit aus Gefängnissen in allen Teilen Russlands“, sagte der russische Menschenrechtler Wladimir Ossetschkin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Der 41-Jährige lebt im Exil in Frankreich. Er ist Gründer der Plattform Gulagu.net und hat im Jahr 2021 mit 40 Gigabyte Video- und Fotomaterial über Folter in russischen Gefängnissen die Entlassung von zahlreichen russischen Justizvollzugsbeamten bewirkt.

Die russischen Behörden begannen mit ihren Anfragen an russische Strafgefangene wegen eines möglichen Einsatzes in der Ukraine in den rund 20 Spezialgefängnissen für frühere Angehörige von Armee und Polizei. Seit einigen Tagen aber werden laut Ossetschkin Gespräche mit Strafgefangenen aller Art geführt, am vorigen Wochenende zum Beispiel mit Gefangenen der Strafkolonie Nr. 7 in St. Petersburg.

Die von Putin vorgegebenen Regeln für Kriegseinsätze von russischen Strafgefangenen in der Ukraine sind hart:

Die Gefangenen sollen an riskanten Militäraktionen teilnehmen und bei der Minenräumung helfen. Sie werden nicht offiziell zu Soldaten, sondern sind beigeordnete private Helfer, nach dem Muster der russischen Söldnertruppe Wagner. Ihnen wird neben Geld auch die Freiheit nach Ende des Einsatzes versprochen, also eine dauerhafte Aufhebung ihres Strafurteils. Von vornherein wird ihnen aber auch offen gesagt, dass sie keine Dokumente, Abzeichen oder Erkennungsmarken bekommen werden und dass im Falle ihres Todes an der Front ihre Leichen nicht an ihre Angehörigen übergeben werden.

„Die reden mit ihren Angehörigen wie Halbtote“

Den Gefangenen wird die Möglichkeit, Putins Armee jetzt im Krieg zu helfen, von den russischen Sicherheitsbehörden offenbar in Mafiamanier erläutert: als ein Angebot, das sie nicht ablehnen können. Bedenkzeit bleibt den Gefangenen offenbar nicht.

„Am schlimmsten ist es für Gefangene, die Frau und Kinder haben“, berichtet Ossetschkin. Ehemänner oder Väter, die einen solchen Vertrag unterschrieben haben, redeten jetzt mit ihren Angehörigen „wie Halbtote“. Einige der betroffenen Familien hätten sich jetzt hilfesuchend an das Netzwerk Gulagu.net gewandt und von entsetzlichen Zuständen gesprochen. In Irkutsk etwa habe ein Gefangener, der auf keinen Fall an die Front wollte, damit gedroht, im Gefängnis weitere Gewalttaten zu begehen und neue Strafprozesse gegen sich selbst in Gang zu setzen, um nur ja von einem Fronteinsatz verschont zu bleiben.

Die Organisation Gulagu.net bekommt ihre laufend aktualisierten Informationen aus Russlands Gefängnissen laut Ossetschkin „von landesweit mehr als 100 Insidern“.

Nein zum Kriegseinsatz sagen mit besonderer Entschlossenheit jene Gefangenen, die bereits Fronterfahrung mitbringen, etwa aus Syrien oder Tschetschenien. Oft wirkten Behördenvertreter beruhigend auf Gefangene ein und sagten, sie sollten lediglich „am Wiederaufbau zerstörter Häuser mitwirken“ – doch dann stellte sich heraus, dass es bei der geplanten Mitwirkung um Minenräumung geht.

Den Verlust regulärer Soldaten bei Einsätzen dieser Art will Moskau offenbar unbedingt vermeiden. Die Ukraine schätzt die Zahl der russischen Kriegstoten seit Ende Februar auf insgesamt 36. 000. In der ukrainischen Armee kämpfen bereits seit März auch frühere Häftlinge mit.

Putin ist beim Personal nicht wählerisch

„Ob die russischen Gefangenen die Missionen, für die Moskau sie jetzt vorsieht, überleben, ist sehr zweifelhaft“, sagt Ossetschkin. Manchen Schwerverbrechern aber werde das Eingehen eines extremen Risikos lieber sein als viele Jahre oder Jahrzehnte hinter russischen Gefängnismauern.

Im Jahr 2021 hatte Ossetschkin über regelmäßige Misshandlungen in russischen Gefängnissen berichtet, beginnend bei Kriechenmüssen und dem Einsperren in Räumen ohne Toilette bis zu Folter durch Fesselungen, Elektroschocks, Schläge auf die Füße und Vergewaltigungen mit Besenstielen.

Schon in den vergangenen Wochen und Monaten war Putin bei der Zusammenstellung von Personal für die Front nicht wählerisch. Ging es um gefährliche Einsätze, nutzte er als Kanonenfutter unerfahrene jüngere Soldaten, die in Provinzen weitab der politisch sensiblen Regionen Moskau und St. Petersburg rekrutiert wurden. Auf diese Weise blieb der im Kreml gefürchtete Protest von Soldatenmüttern gedämpft.

Ähnliche Taktiken gab es schon unter dem sowjetischen Diktator Josef Stalin. Kriminelle kamen damals ebenso wie Widerspenstige in die gefürchteten Schrafbats, Strafeinheiten der Armee, deren Größe mitunter beträchtlich anschwoll.

Grölend posieren die „Befreier“ in Lyssytschansk

Putin überlässt in diesen Tagen die Drecksarbeit an der Front oft tschetschenischen Kämpfern. Schon im Mai, als in Mariupol ein extrem brutaler Häuserkampf anstand, ließen die Russen einer Truppe den Vortritt, die der Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow zusammengestellt hatte. Kadyrow setzt auf extreme Brutalität, auch in der von ihm – mit Putins Einverständnis – beherrschten russischen Teilrepublik Tschetschenien. Dort ließ Kadyrow seine Gegner in den vergangenen Jahren gleich reihenweise ermorden.

Seinen Spezialtruppen redet Kadyrow ein, sie seien keinerlei Rechtsnormen unterworfen. Ausdrücklich ermuntert Kadyrow seine Leute, auch brutalste Foltermethoden anzuwenden, von Elektroschocks bis zum Abreißen von Zehen. Für die tschetschenischen Regimenter gehören Plünderungen zum Standard, parallel zur militärischen Aggression läuft stets eine auf Bereicherung ausgerichtete Bandenkriminalität.

Als in diesen Tagen Lyssytschansk an die Russen fiel, bildeten erneut tschetschenische Kämpfer die Speerspitze. Einmal mehr posierten sie grölend vor zerstörten zivilen Gebäuden und priesen ihren Anführer. Einmal mehr auch stellte Kadyrow triumphierend das dabei entstandene Video ins Netz.

Sollten jetzt auch noch Verbrecher aus Russlands Gefängnissen zu den Soldaten an der Front stoßen, würde dies dort also nach ethischen Maßstäben nichts verschlechtern: Das moralische Niveau von Putins Truppen liegt längst bei null.

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Von Matthias Koch/RND