Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, fordert den schnellen Beginn des Wiederaufbaus der Ukraine. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Selenskyj will mit Wiederaufbau nicht auf Kriegsende warten: Ist das überhaupt möglich?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dringt auf einen schnellen Wiederaufbau seines Landes. Obwohl die Kämpfe weiter anhalten, soll mit dem Wiederaufbau bereits begonnen werden, fordert er und schätzt die Kosten auf mehr als 700 Milliarden Euro. Nachdem die russischen Streitkräfte in der ersten Phase des Krieges keine schnellen Erfolge erzielen konnten, mussten sie sich zurückziehen und hinterließen Zehntausende zerstörte Wohn- und Geschäftshäuser. Selenskyj verwies außerdem darauf, dass die Energieversorgung für die Wintermonate sichergestellt werden müsse. Große Teile der Infrastruktur wurden bei Raketenangriffen zerstört und die Winter in der Ukraine sind hart.

Doch ist ein Wiederaufbau trotz der anhaltenden Kämpfe überhaupt möglich? Russland verfolgt laut dem Militärstrategen Franz-Stefan Gady „eine klare Terrorstrategie“, bei der es immer wieder auch abseits der Front Raketenangriffe gibt. Der Experte vom renommierten Institute for International Strategic Studies (IISS) in London befürchtet: „Russland will das ganze Land in Geiselhaft nehmen und die vielen Angriffe sollen den Westen von Aufbaumaßnahmen abschrecken.“ Die Ukraine müsse daher punktuell im ganzen Land mit Raketenangriffen rechnen, sagte er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Keine Region könne man ausschließen. „Selbst Kiew, das schon länger nicht mehr umkämpft ist, wird als Herzstück des Landes weiterhin Ziel von Angriffen werden.“

Trotzdem hält Gady den Beginn des Wiederaufbaus nicht nur für richtig, sondern auch für zwingend notwendig. „Die Ukraine muss die Infrastruktur aufrechterhalten, dazu gibt es allein schon für die Nachschubwege keine Alternative.“ Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass Russland einen Teil davon wieder zerstören wird.

Im ersten Schritt könnten beschädigte Brücken und Gasleitungen repariert werden. Auch Wohnhäuser in Regionen, die bisher nur vereinzelt Ziel von Raketenangriffen wurden. „Hauptziel der Angriffe bleiben die militärischen Ziele, sodass ein Wideraufbau in der Nähe solcher Ziele nicht ratsam ist“, so die Einschätzung des Militärexperten Gady.

Entwicklungsministerin Svenja Schulze sieht mit dem Wiederaufbau eine enorme Kraftanstrengung auf die Ukraine zukommen. „Das ist kein Projekt für ein Jahr oder zwei“, so die SPD-Politikerin. Schulze betont gegenüber der Ukraine, dass der Westen auch langfristig an der Seite des Landes stehen wird. „Das ist eine ganz große Aufgabe, die die Ukraine jetzt koordinieren muss und wo alle helfen müssen. Wir brauchen die ganze Welt dabei.“

Diese Zusicherung des Westen hat laut Gady zwar einen hohen Stellenwert für die Ukraine. „Der Wiederaufbau der Ukraine ist primär symbolisch in dieser Phase des Krieges“, sagte er dem RND. Unter anderem diene diese Zusicherung dazu, die Kampfmoral der ukrainischen Soldaten und der zivilen Bevölkerung zu stärken.

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Von Sven Christian Schulz /RND