Das neue Infektionsschutzgesetz sieht Ausnahmen von einer möglichen Maskenpflicht für in den letzten 90 Tagen Genesene vor. Doch wie viele Menschen lassen derzeit eine Infektion überhaupt noch mit einem PCR-Test überprüfen? Quelle: IMAGO/Panama Pictures

Schätzung von Hausärzteverband und Amtsärzten: Dunkelziffer der Corona-Infektionen hoch

Berlin. Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Johannes Nießen, schätzt die Corona-Dunkelziffer etwa zwei- bis dreimal so hoch ein wie offizielle Zahlen. Diese ergeben sich aus den PCR-Test-Meldungen abzüglich der Verstorbenen. „Zunehmend ist es so, dass Personen sich einem Antigentest unterziehen und keinen PCR-Test mehr durchführen. Dies führt zunehmend zu einer Untererfassung der Infektionen“, sagte Nießen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das Corona-Monitoring von Abwasser und Antikörperstudien von Blutspenden geben laut Nießen einen Hinweis auf diese Untererfassung.

Dennoch blickt Nießen positiv auf die Zukunft und den Entwurf des Infektionsschutzgesetzes: „Der Maßnahmendreiklang ‚Masken, testen, impfen‘ wird uns gut durch Herbst und Winter bringen“, erwartet er, und ergänzte: „Das Maskentragen in vielen Lebenslagen und die Testpflicht in bestimmten Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen halte ich für sehr sinnvoll.“

Corona-Regeln im Herbst: Ausnahmen für frisch Geimpfte und Genesene

Der Entwurf für ein neues Infektionsschutzgesetz enthält Ausnahmen für dreifach Geimpfte für drei Monate und für innerhalb der letzten 90 Tage Genesene. Verhängen die Länder eine Maskenpflicht für Restaurants, Bars, Kultur- oder Freizeiteinrichtungen, sind diese Personen vom Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung befreit. Für Besuche im Krankenhaus oder Pflegeheim müssen sie keinen negativen Test vorzeigen, sondern nur eine FFP2-Maske tragen.

Doch um eine überstandene Infektion nachweisen zu können, brauchen die Menschen einen positiven PCR-Befund. „Nur ein Teil derjenigen, die einen positiven Schnelltest haben, machen zur Bestätigung auch einen PCR-Test. Allein deswegen schon ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen“, sagte auch der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, dem RND.

Aus medizinischer Sicht ist laut Weigeldt ein bestätigender PCR-Test nicht zwingend notwendig. Wer einen positiven Schnelltest habe und darüber hinaus an typischen Corona-Symptomen leide, könne mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Corona-Infektion ausgehen. „In solchen Fällen auch noch einen PCR-Test zu machen, bringt in aller Regel keine neuen Erkenntnisse und dient eher statistischen Zwecken.“

RKI: Zahlen der Corona-Tests seit März eingebrochen

Laut Daten des RKI ist die Zahl der Tests seit März stark eingebrochen. Wurden zu Spitzenzeiten im Januar und März dieses Jahres rund 2,5 Millionen Tests pro Woche an das RKI gemeldet, waren es in der zuletzt registrierten Woche vom 18. bis 24. Juli nur rund 890.000 Tests. Auch eine aktuell hohe Positivrate von etwa 54 Prozent, also der Anteil an positiven Ergebnissen an allen durchgeführten Tests, deutet darauf hin, dass sich weniger Menschen vorsorglich testen lassen.

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, vermutet, dass mit den neuen Plänen wieder mehr Neuinfizierte einen PCR-Test bei ihrem Hausarzt oder in einem Testzentrum machen werden. Wer keinen Genesenennachweis hat, werde auch wieder einen tagesaktuellen Schnelltest benötigen, um bei einer eventuellen Pflicht die Maske absetzen zu dürfen.

Städtetag fordert Rückkehr der kostenlosen Bürgertests

„Auch deswegen brauchen wir im Herbst wieder kostenlose Bürgertests für alle“, sagte Dedy dem RND. Das gelte umso mehr, da Betreiber von Testzentren seit dieser Woche keine Abrechnungen mehr vornehmen können, sagte Dedy. Denn die Kassenärztlichen Vereinigungen haben die Abrechnungsportale für Bürgertests geschlossen.

Grund dafür sei, dass weiter keine Einigkeit über die Abrechnung der Tests bestehe – ein ungelöster Konflikt mit dem Bundesgesundheitsministerium. „Es steht zu befürchten, dass wir in den kommenden Wochen eine Schließungswelle bei Testzentren erleben und viele Menschen keinen wohnortnahen Zugang zu Testmöglichkeiten mehr haben“, warnte der Städtetagschef.

Von Daniela Weichselgartner/RND