Nach einem Raketenangriff auf das Atomkraftwerk Saporischschja in der Südukraine hat der Betreiber nach eigenen Angaben einen Kernreaktor vom Netz genommen. Quelle: Uncredited/AP/dpa

Angriff auf AKW in Ukraine: Betreiber warnt vor Nuklearkatastrophe

Russlands Streitkräfte hätten am Freitag eine Hochspannungsleitung des AKWs beschädigt, heißt es aus Kiew. Daraufhin seien Notfallgeneratoren an einem Triebwerk eingeschaltet worden, berichtet das ukrainische Staatsunternehmen Energoatom. „Diese Einheit ist derzeit entladen und vom Stromnetz getrennt.“ Damit seien nun nur noch zwei der sechs Reaktoren in Betrieb.

+++ Alle aktuellen News und Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine lesen Sie in unserem Liveblog. +++

Das russische Verteidigungsministerium teilte am Samstagabend mit, die kritische Infrastruktur des Kraftwerks sei nicht beschädigt worden. Infolge der Angriffe seien nun aber mehr als 10.000 Einwohner und Einwohnerinnen der Region ohne Wasser und Strom.

Bei den Angriffen am Freitag seien keine radioaktiven Strahlungen ausgetreten, erklärte der Betreiber am Samstag erneut. Das Kernkraftwerk im besetzten Saporischschja sei jedoch nur „durch ein Wunder“ nicht explodiert. Aktuell befindet sich das AKW in russischer Hand. Die Ukraine forderte zuletzt die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) und die Vereinten Nationen auf, Russland zum Rückzug aufzufordern und das Kraftwerk einer Sonderkommission zu übergeben.

Nach Angaben von ukrainischen Beamten habe die russische Armee auch Waffen und Sprengstoff in das größte Atomkraftwerk Europas gebracht. So seien etwa die Gas-, Strom- und Wasserversorgung des Kraftwerks vermint, heißt es aus Kiew. Russland wolle so eine bevorstehende Gegenoffensive erschweren.

Russland dementiert die Vorwürfe zuletzt und macht die Ukraine für das Bombardement verantwortlich. Unabhängig sind die Angaben nicht zu überprüfen.

Betreiber warnt vor „Nuklearterrorismus“ und Super-GAU

Der Betreiber des Atomkraftwerks warnte zuletzt vor einem „Akt des Nuklearterrorismus“. Russland wolle die gesamte Infrastruktur des Kraftwerks zerstören, um den Strom im Süden der Ukraine zu kappen. Anschließend plane Putins Armee den Super-GAU im Kraftwerk. Der vollständige Stromausfall der Anlage (Blackout) könnte die Kühlung der Kernreaktoren gefährden. Die Situation werde zusätzlich durch die Lagerung von militä­rischer Ausrüstung und Sprengstoff verschärft. „All dies könnte bald zu einer Nuklear- und Strahlen­katastrophe führen, deren Folgen nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa zu spüren bekommen wird.“

Energoatom rechnet auch am Samstag mit weiteren Angriffen und bittet die Internationale Gemeinschaft um Unterstützung. Man benötige eine abgestimmte Sicherheitsmission in Saporischschja. Auch müsse der Druck gegenüber Russland erhöht werden. Nur so könne man eine globale Nuklearkatastrophe abwehren. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte zuletzt neue Sanktionen gegenüber Moskau.

IAEA-Chef fordert Zugang zu AKW

Der IAEA-Chef Rafael Grossi hat am Samstagabend erneut auf Zugang zu der von Russland besetzten Anlage gedrängt. Der Angriff am Freitag „unterstreicht die sehr reale Gefahr einer nuklearen Katastrophe, die die öffentliche Gesundheit und die Umwelt in der Ukraine und darüber hinaus bedrohen könnte“, sagte Grossi in einer Stellungnahme. Er hielt fest, dass auf dem Gelände Schäden entstanden seien, dass aber die Reaktoren unversehrt seien und keine Radioaktivität ausgetreten sei.

Der Besuch eines IAEA-Teams vor Ort würde helfen, die nukleare Sicherheit vor Ort zu stabilisieren und unabhängige Informationen über den Zustand des AKWs zu liefern. Grossi forderte die Ukraine und Russland auf, endlich gemeinsam einen solchen IAEA-Einsatz möglich zu machen.

Anfang März hatte die russische Armee das AKW in Saporischschja mit Gewalt eingenommen. Dabei setzten die Angreifer die Anlage vorübergehend in Brand. Die Internationale Gemeinschaft reagierte damals schockiert.

RND/hyd/dpa

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter