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Der Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour wurde im Iran geboren und kam im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Quelle: IMAGO/Metodi Popow

Nach Tod von Mahsa Amini: Grünen-Chef Nouripour hält Entwicklung im Iran für offen

Berlin. Der im Iran geborene und mit 13 Jahren nach Deutschland gekommene Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour hält die politische Entwicklung in seinem Herkunftsland angesichts der aktuellen Proteste gegen das Regime für offen. „Das zentrale Motiv der Proteste gegen die Unterdrückung im Iran waren immer die Frauenrechte“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dementsprechend sei das, was der 22-jährigen Iranerin Mahsa Amini passiert sei, stellvertretend für ein Problem, das viele Facetten habe. Die junge Frau war gestorben, nachdem die Polizei sie wegen ihrer „unislamischen“ Kleidung verhaftet hatte. Die genauen Todesumstände sind unklar.

Die Hälfte der Menschen im Iran dürfe sich auch nicht annähernd so kleiden, wie sie wolle, sagte Nouripour. Töchter bekämen nur die Hälfte des Erbes, das ihre Brüder bekämen. Sie dürften nicht Richterinnen werden. Und wenn sie klagten, könne es sein, dass sie dafür ins Gefängnis kämen. Auch würden Frauen für Verstöße gegen die Kleidungsvorschriften öffentlich gezüchtigt. „Es gibt seit über 40 Jahren eine lange Liste an Gräueltaten“, beklagte der Grünen-Chef. „Der Tod von Frau Amini zeigt einmal mehr dieses Grauen. Die Leute wollen nicht mehr gegängelt werden und ein System aushalten, das ausschließlich auf Gängelung ausgerichtet ist.“

Regime könnte kippen

Zwar habe das Regime in der Vergangenheit gezeigt, dass es ohne Rücksicht Gewalt gegen die eigene Bevölkerung anwende. Dennoch sei die Lage diesmal anders als früher, weil es sehr viele Stimmen auch aus dem Regime selbst gebe, die kritisierten, was passiert sei. „Es steht alles auf der Kippe“, so Nouripour. Dies gelte umso mehr, als die Menschen im Iran ihre Wünsche nach Veränderung jahrzehntelang artikuliert und keinen Glauben mehr an Reformen und Reformer hätten. Die Demonstranten schrieben den Regimewechsel nicht auf ihre Fahnen. Aber sie hielten dieses Regime einfach nicht mehr aus. Und er bezweifle, „dass das Regime noch die Kraft für grundlegende Reformen hat“. Der Westen müsse nun vor allem den Frauen beistehen und dürfe nicht vergessen lassen, was ihnen passiere.

Der 47-jährige Nouripour kam 1975 in der iranischen Hauptstadt Teheran zur Welt und verließ 1988 fast zehn Jahre nach der islamischen Revolution mit seiner Familie das Land.

Seit Aminis Tod demonstrieren landesweit Tausende Menschen gegen den repressiven Kurs der Regierung, dabei kamen bis Donnerstag mindestens neun Menschen ums Leben. Um weitere Proteste zu unterbinden, hat das Regime mittlerweile den Zugang zum Internet gesperrt.

Von Markus Decker/RND