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In der Krisensituation mit starken Einschränkungen im öffentlichen Leben, wie zuletzt in der Corona-Pandemie, stieg die Gefahr für Frauen und Kinder, häusliche und sexualisierte Gewalt zu erfahren. Quelle: Ioana Cristiana/unsplash

„Bis dahin hätten wir alle tot sein können“

Im Februar dieses Jahres klingelte und hämmerte es an der Wohnungstür von Sonja Lund*. Davor stand ihr betrunkener Ex. Als Lund öffnete und ihn beschwichtigen wollte, ging er plötzlich mit einem Messer auf sie und ihren Bekannten im Wohnzimmer los. Lund konnte dem Angreifer zum Glück das Messer entreißen, doch da stürzte er sich schon auf ihren Bekannten. Erst als die herbeigerufene Polizei klingelte, flüchtete der Gewalttäter. Doch die zwei Beamten nahmen nicht etwa die Verfolgung auf. Ihre Begründung: Es gäbe keine Verstärkung. Die Polizisten empfahlen Lund, den Weißen Ring zu kontaktieren und für sich und ihre zwei Kinder einen Platz im Frauenhaus zu organisieren, während ihr Ex noch frei herumlaufe.

„Hilfesystem 2.0″ – so hieß das Programm des Bundesfrauen- und Familienministeriums vom Oktober 2020, das Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen während der Corona-Pandemie besser unterstützen sollte. 3 Millionen Euro wurden in Technik und Dolmetscherleistungen investiert. Doch in keinem Frauenhaus in 300 Kilometer Umgebung gab es für Lund auch nur einen freien Platz. Grund: Die Schutzhäuser (vor allem in Schleswig-Holstein) sind seit der Corona-Pandemie überlaufen, weil die Gewalt in den häuslichen vier Wänden seit Homeschooling, Lockdown und wirtschaftlich angespannter Situation eskaliert.

Das bestätigt auch Beatrice Tappmeier von der Landesarbeitsgemeinschaft der Frauenhäuser Bielefeld. „In der Krisensituation mit starken Einschränkungen im öffentlichen Leben steigt die Gefahr für Frauen und Kinder, häusliche und sexualisierte Gewalt zu erfahren.“ Gleichzeitig würden Verletzungen oder dringender Unterstützungsbedarf von Betroffenen weniger auffallen, weil sie zum Beispiel nicht mehr in die Schule, zur Arbeit oder in den Sportverein gehen. Außerdem käme erschwerend hinzu, dass „deutlich mehr Frauen in aktuell systemrelevanten Berufen arbeiten – etwa im Krankenhaus, in der Pflege oder in Supermärkten. Dagegen müssen viele Männer zu Hause bleiben“. Das stelle die Rollenbilder vieler Männer auf den Kopf, sorge für Verunsicherung und Aggressionen.

Im Lockdown kam es zu Gewaltausbrüchen

Eine brandgefährliche Situation, unter der auch Sonja Lund leiden musste. „Während der Lockdown-Zeit hat sich die Lage in unserer winzigen Wohnung so verschärft, dass mich mein Ex-Mann immer häufiger schlug. Zum Glück ließ er meine Kinder – also seine Stiefkinder – in Ruhe“, erzählt die Vertriebsmitarbeiterin. Sie selbst erzählte ihren Freunden oder ihrer Familie nichts von den Gewaltausbrüchen – aus Scham. Doch irgendwann rastete ihr Mann derart heftig aus, dass Lund durch einen Faustschlag einen Tinnitus bekam. Da schritt ihre Hausärztin ein und ermutigte sie, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Außerdem fasste Lund endlich den Mut, sich von ihrem Ehemann und Stiefvater ihrer zwei Kinder zu trennen. Allerdings mit einem sehr mulmigen Gefühl.

Zu Recht – denn im Februar 2022 versuchte Sonjas Ex-Mann sie und einen Freund mit einem Messer zu töten. „Zum Glück waren meine Kinder nicht zu Hause und haben das alles nicht miterlebt“, sagt die 35-Jährige heute.

Ohnehin wäre ihre Lage juristisch nicht einwandfrei gewesen: Denn weil Sonja ihrem Ex das Messer entreißen konnte, war für die später eingetroffene Polizei die sogenannte Gefahrenabwehr nicht mehr klar ersichtlich. Eine sogenannte Wegweisung zur Gefahrenabwehr ist für die Polizei erst möglich, wenn es zum Beispiel schon früher zu Verletzungen durch den Täter gekommen ist oder Übergriffe stattgefunden haben. „Nach §36a PolG werden die Beschuldigten dann oftmals für zehn Tage der Wohnung verwiesen, um der Familie einen Schutzraum zu gewähren“, erklärt Stephan Knipp, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Gelsenkirchen. „Bei konkreten Hinweisen auf schwerwiegende Straftaten stehen zudem Möglichkeiten des Personen- und Objektschutzes zur Verfügung.“

Hohe Dunkelziffer vermutet

Auch, wenn Leon Woisch, Pressesprecher des Bundeskriminalamtes (BKA), nur leichte Anstiege von häuslicher Gewalt während des ersten und zweiten Corona-Lockdowns erfasst hat, so vermutet er doch eine hohe Dunkelziffer. Trauriger Fakt ist ohnehin schon, dass in Deutschland etwa jede vierte Frau mindestens einmal Opfer von körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner wird.

Bundesfamilienministerin Lisa Paus hält aus diesem Grund das Hilfsangebot mit rund 350 Frauenhäusern, 100 Schutzwohnungen und rund 600 Beratungsstellen für unzureichend. „Deshalb bauen wir Frauenhäuser und Beratungsstellen gemeinsam mit den Ländern weiter aus und stellen dafür 120 Millionen Euro aus Bundesmitteln bis 2024 zur Verfügung“, sagte die Grünen-Politikerin bereits im Juli dieses Jahres. Zuständig für das Bereitstellen eines bedarfsgerechten Netzes an Frauenhäusern, Fachberatungsstellen und sonstigen Unterstützungsangeboten für gewaltbetroffene Frauen mit ihren Kindern seien jedoch in erster Linie die Bundesländer. „Deshalb kann eine Weiterentwicklung des Hilfesystems für gewaltbetroffene Frauen nur gelingen, wenn Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen.“

Partnerschaftsgewalt geht leicht zurück

Aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts zur Partnerschaftsgewalt zeigen, dass die Gewalttaten unter Paaren und Ex-Partnern im vergangenen Jahr leicht gesunken sind. Laut einer aktuellen Statistik registrierten die Behörden 2021 bundesweit 143.016 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte – ein Rückgang um 2,5 Prozent im Vergleich zum ersten Corona-Jahr 2020.

Wie aus den Daten hervorgeht, die das Bundeskriminalamt am Donnerstag veröffentlicht hat, waren in den genannten Fällen insgesamt 143.604 Opfer involviert – ein Rückgang der Opferzahl um drei Prozent im Vorjahresvergleich. 80,3 Prozent der von Partnerschaftsgewalt Betroffenen waren demnach Frauen. In den meisten Fällen handelte es sich um vorsätzliche einfache Körperverletzung (59,6 Prozent).

Wie bereits in den Vorjahren geht die Gewalt nach wie vor zum überwiegenden Teil von Männern aus (78,8 Prozent). Der Anteil weiblicher Tatverdächtiger ist in den vergangenen Jahren jedoch leicht gestiegen – auf nunmehr 21,2 Prozent (2020: 20,6 Prozent).

Panikattacken und Arbeitsunfähigkeit als Langzeitfolge

Sonja Lund, die bis zur Festnahme ihres Ex-Mannes am nächsten Mittag Todesangst ausstand, hatte das große Glück, dass eine entfernte Bekannte ihr und den zwei Kindern Unterschlupf gewährte. Bei all den Frauenhäusern bis zu 500 Kilometer Entfernung hätte Sonja bis zu sechs Monate auf einen Schutzort warten müssen, als sie ihn dringend benötigte. „Bis dahin hätten wir alle tot sein können“, meint sie. „Aber zum Glück gestand mein Ex bei seiner Festnahme am nächsten Tag, dass er mich umbringen will“, sagt Lund zynisch. Denn diesem Umstand verdankt sie, dass der Gewalttäter sofort in Untersuchungshaft kam. „Er hat mir zwar schon früher immer wieder eingebläut, dass man einen wie ihn nicht verlässt“, sagt Sonja, „aber ich hätte nie gedacht, dass er mich wirklich umbringen wollte.“

Mittlerweile lebt Lund an einem unbekannten Ort – mehr als 1000 Kilometer von ihrem früheren Wohnort entfernt, um sich vom Schrecken zu erholen und mit ihren Panikattacken fertig zu werden. „Mein Arbeitgeber hat mir zum Glück einen Job in einer anderen Stadt angeboten. Aber noch bin ich arbeitsunfähig“, sagt die Vertriebsfrau und erzählt, dass sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Deshalb ist die 35-Jährige auch dankbar, dass ihre zwei Kinder im Moment bei ihrem biologischen Vater untergebracht sind, zu dem Sonja ein gutes Verhältnis pflegt. „Und natürlich besuche ich meine Kids so oft ich kann.“

Die Messerattacke auf sie und ihren Freund wird demnächst im Prozess verhandelt. Und Sonja hofft inständig, dass ihr Ex dann sehr, sehr lang hinter Gittern sitzt.

Hier finden Betroffene im Netz oder per Telefon Hilfe

www.hilfetelefon.de (bundesweite Hotline, unter der Betroffene, aber auch Menschen aus deren Umfeld, rund um die Uhr, barrierefrei, anonym und vertraulich und in 18 Sprachen telefonische (Erst-)Beratung durch qualifizierte Beraterinnen erhalten. Hilfetelefon: 08000 116 016 https://www.frauenhaus-suche.de (eine gezielte Suche nach freien Frauenhausplätzen ist unter dieser Plattform autonomer Frauenhäuser möglich)

*Wir haben diesen Text erstmalig am 2. Juli 2022 veröffentlicht und am 24.11. aktualisiert.

mit Material der dpa

Von Gitta Schröder/RND