Nachhaltige Geldanlage gewinnt bei vielen Verbrauchern an Bedeutung. Quelle: Christin Klose/dpa-tmn

Grüne Geldanlage: Oft sind Kunden besser informiert als die Vermittler

München. Für Ralf Berndt ist das Bild eindeutig. „Es gibt einen klaren Trend auf der Kundenseite“, sagt der Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung. Sechs von zehn Anlegerinnen und Anlegern wollen ihr Geld nachhaltig anlegen, zitiert er aus jüngsten Studien und Umfragen.

Die Kehrseite der Medaille kennt Christian Klein. „Fragt man Kunden dann, ob sie das auch tun, verneinen sie es“, weiß der Professor für nachhaltige Finanzwissenschaft an der Universität Kassel. Makler würden ihnen nichts anbieten, heiße es auf Nachfragen.

„Ich habe Angst, dass der Kunde besser über Nachhaltigkeit informiert ist als ich“, erklärten das damit konfrontierte Vermittlerinnen und Vermittler. Die seien im Bundesschnitt 56 Jahre alt und täten sich oft noch schwer mit der Nachhaltigkeitsmaterie, räumt Berndt ein. Aber es werde langsam besser.

Wenn Lebensversicherer und Expertinnen und Experten wie Klein über die schöne neue Welt grüner Kapitalanlagen diskutieren, die vor allem auch nach dem Willen der EU einen grünen Wandel in der damit finanzierten Industrie auslösen soll, wird schnell klar, dass die Sache noch nicht wirklich rund läuft. Das beginnt schon und vor allem bei der Frage, was eigentlich eine grüne Anlage ist.

Mit Windkraft allein kann man kein Depot füllen

„Nur Windkrafthersteller, das funktioniert nicht, damit kann man keinen Kapitalstock füllen“, stellt Klein klar. Das sieht auch Björn Bohnhoff so. „Bei 100 Prozent nachhaltig wird man am Ende kaum noch Anlagen finden“, erklärt der Deutschland-Vorstand der internationalen Versicherungsgruppe Zurich das Problem aus Anbietersicht. So könne man an das Problem aber nicht herangehen, finden beide Experten. „Es geht um Veränderung“, stellt Klein klar.

Per Finanzierungsmacht großer Kapitalanleger wie Versicherungen sollen schließlich klimaschädliche Industrien grün gemacht werden. Klein verdeutlicht das am Beispiel der Automobilindustrie. Zuletzt habe es mehrere Studien gegeben, die Anbietern angeblich grüner Fonds Greenwashing vorwerfen, unter anderem weil sie in Autokonzerne investieren. „Aber wir müssen gerade in die investieren, die sich wandeln“, betont der Nachhaltigkeitsprofessor. Autobauer, die auf Elektromobilität umschwenken, seien dafür ein Paradebeispiel.

„Ich kann in CO₂-intensive Industrien investieren, wenn ich damit Transformation auslöse“, unterstreicht Bohnhoff. Wenn große Kapitalanleger sich zusammentun und ihre Stimmrechte auf Hauptversammlungen bündeln, könne das großen Einfluss auf Industriemanager und deren Strategien haben.

„Wir müssen klar machen, dass wir nicht nur Rendite wollen“, sagt der Zurich-Vorstand. Dahinter steckt auch Eigennutz, denn Versicherer sind nicht nur Kapitalleger sondern vor allem auch Risikoschützer, die Policen verkaufen wollen. „Wenn wir den Klimawandel erst bei 2,5 Prozent globaler Temperaturerhöhung aufhalten, dann werden einige Sachen nicht mehr versicherbar sein“, fürchtet er.

Atomstrom ist für die meisten Versicherer ein No-Go

Helfen könnte dabei grundsätzlich auch die Politik, wenn sie wie die EU in Form von Taxonomie Kriterien und Siegel für grüne Anlagen vorgibt. Das schaffe Rechtssicherheit. Mit den jüngsten EU-Taxonomie-Plänen, die auch Atomkraft und Gaskraftwerke als nachhaltig klassifizieren, können sich die Expertinnen und Experten aber wie andere Kritikerinnen und Kritiker nicht anfreunden. „Atomenergie ist für unsere Anlagen ein Ausschlusskriterium, und daran ändert sich definitiv nichts“, betont Berndt. Versicherten bei der Stuttgarter verspricht er, auch weiterhin atomfreie, grüne Renten beziehen zu können.

„Niemand wird durch die Taxonomie gezwungen, in Atom zu investieren“, stellt auch Bohnhoff für die Zurich klar. „Was wir sehen, ist das Ergebnis von Politik und Lobbyismus“, erklärt Klein die umstrittenen EU-Taxonomie-Vorschläge. Frankreich habe schlicht Angst bekommen, die eigene Energiewirtschaft, die in großen Teilen auf Atomstrom setzt, künftig nicht mehr finanziert zu bekommen.

Andererseits zeige diese Angst auch, dass in der Finanzwirtschaft große Einflussmöglichkeiten hinsichtlich der Industrie stecken, sagen die drei Experten. Sie sind zuversichtlich, dass es grundsätzlich in die richtige Richtung geht. „Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage ist kein Hype, sondern ein neuer Standard“, glaubt Bohnhoff.

Dabei müsse man kritisch bleiben, betont Klein. „Greenwashing wird ein Riesenthema werden dieses Jahr“, schätzt der Wissenschaftler. Er rät dabei aber zu einem differenzierenden Blick, der industriellen Wandel im Auge hat. Das zahle sich dann auch finanziell aus. „Nachhaltige Anlagen sind mindestens so gut wie konventionelle“, sagt er zu seinen bisherigen Renditeerfahrungen damit.

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND