Ein Auszubildender bekommt von Dachdeckern Dachziegel zum Legen gereicht. Im Handwerk herrscht fast in allen Gewerken Alarmstimmung.

Rekordwartezeiten im Handwerk: Eine Branche kann nicht mehr

München. Die Mängelliste im Handwerk ist lang. „Mehr als 40 Prozent des in Deutschland verwendeten Baustahls stammen von kriegsführenden Ländern, im Lebensmittelhandwerk fehlen aus gleichem Grund Öle und Saaten,“ beginnt der Generalsekretär im Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke.

„Aus der Ukraine kommen oder kamen Komponenten für Parkette und Vorprodukte für Fliesen, es mangelt an Bitumen für Straßenbau und Dächer“, listet der Präsident des bayerischen Handwerkstages, Franz Xaver Peteranderl, weiter auf und will gar nicht mehr aufhören. Die Experten beschreiben eine Woche vor Start der Internationalen Handwerksmesse in München die Lage der Zünfte. Sie ist von Notstand und Krisenmanagement geprägt.

„Im Durchschnitt wartet man auf einen Handwerker heute elf Wochen“

Zu Jahresbeginn habe das Handwerk noch von rasanter Erholung und Corona-Nachholeffekten geträumt. Dann hat Russland die Ukraine überfallen, ohnehin wacklige Warenströme zum Versiegen gebracht, Energie- und Materialkosten explodieren lassen.

Die Folgen für Verbraucher und Verbraucherinnen beschreibt Schwannecke: „Im Durchschnitt wartet man auf einen Handwerker heute elf Wochen“, erklärt der ZDH-Funktionär. Besonders krass sei es für Bauherren. In Bauhauptgewerken sei die Wartezeit auf 17,5 Wochen geklettert, im Ausbaugewerbe auf 13,5 Wochen. Beides seien neue Rekordwerte. Dazu kommen kräftige Preissteigerungen.

„Ein Einfamilienhaus, das vor eineinhalb Jahren noch 450.000 Euro gekostet hat, kommt jetzt auf 550.000 Euro“, sagt Schwannecke. Im Wohnungsbau seien die Preise für Kunden und Kundinnen zuletzt um ein Fünftel bis ein Viertel gestiegen, in anderen Bereichen des Handwerks um ein Zehntel bis ein Fünftel, bestätigt Peteranderl. Dabei könnten viele Handwerksbetriebe ihre gestiegenen Kosten nur teilweise an Kunden weitergeben.

Was das Handwerk in Summe zu erwarten hat, schätzt Schwannecke ab: Selbst wenn die Lieferketten ab sofort wieder funktionierten und kein Materialmangel mehr herrsche, seien bis Jahresende maximal 6 Prozent Branchenwachstum drin. Das fresse aber die Inflation komplett auf. Dazu komme, dass speziell am Bau viele Betriebe vor Kriegsausbruch Verträge zu Festpreisen in ihre Bücher genommen hätten. Die würden wegen explodierender Materialkosten nun zum Minusgeschäft.

Finanzierung am Bau unkalkulierbar

Bauherren kapitulieren zunehmend vor der schier unkalkulierbaren Lage. In seinem Bundesland Bayern seien zuletzt ein Viertel bis ein Drittel aller von Gemeinden schon ausgewiesenen Bauflächen wieder an sie zurückgegangen, weil die Finanzierung wegen ausufernder Kosten kollabiert ist, weiß Perteranderl. Im Rest der Republik dürfte es kaum anders aussehen. Dem Wohnungsbau, der Deutschland maßgeblich durch die Pandemie gebracht hat, drohe nächstes Jahr ein hartes Ende des Baubooms.

Das Ganze treffe auf von der Pandemie vielfach angeschlagene Handwerksbetriebe und eskalierenden Fachkräftemangel. Der ZDH beklagt das Fehlen von bundesweit 250.000 Fachkräften, vor allem auch in Gewerken, die Solardächer installieren oder Wärmepumpen einbauen und die Energiewende umsetzen sollen. Das werde zum Problem für das ganze Land, Wirtschaft und Konjunktur als solches, warnen beide Experten. Dazu kämen spezifische Engpässe, falls Russland den Gashahn ganz zudreht.

Staatshilfen gefordert

„Wenn in einem Krankenhaus die Wäsche nicht mehr gewaschen wird, weil Gas dort als Prozesswärme fungiert, steht das Krankenhaus still“, nennt Schwannecke ein Beispiel. Die Politik müsse handeln, fordern er und Peteranderl unisono. „Wir können kostengünstig bauen, wenn Normen und Vorschriften entschärft werden“, verspricht und appelliert der Handwerkstagspräsident zugleich.

Beide Experten fordern zudem Staatshilfen für Handwerksbetriebe vor allem mit Blick auf explodierende Gaspreise. „Wir erwarten nicht, dass der Staat alles ausgleicht, von Firmen bis Verbrauchern muss jeder einen Selbstbehalt tragen“, stellt Schwannecke klar. Nach dem Bund müssten es nun aber auch Länder und Kommunen zulassen, dass Handwerker und Handwerkerinnen mit ihnen vor Kriegsausbruch geschlossene Verträge neu kalkulieren. Ohne solche Hilfen würden viele Betriebe die aktuelle Krise nicht überstehen.

Von Thomas Magenheim-Hörmann/RND