Ist er nicht schön? Ein Motor vor schwarzem Hintergrund. Quelle: Getty Images

Auf Wiedersehen, Verbrennungsmotor! Ein Abschiedsbrief an einen Klassiker

Sehr geehrter Verbrennungsmotor,

wir haben manches gemeinsam: Wir springen beide nicht immer gleich an, neigen zum Lärmen, brauchen zum Start Impulse von außen und setzen große Teile unserer Energie nicht in Bewegung um, sondern in Wärme.

Ich gehöre trotzdem nicht zu jenen Menschen, die eine Gänsehaut bekommen, wenn neben ihnen der Motor eines 1967er Ford Mustang Shelby GT 500 Super Snake mit 355 PS faucht und blubbert. Ich habe kein Benzin im Blut, sondern eher Rhabarberschorle. Und ich kenne die großen Maseratis und Ferraris der Geschichte nur aus dem Autoquartett. Ich war nie ein ungefestigter Jungmacho mit Spoilerfetisch, der irgendwo hinter einer Scheune an einem tiefergelegten VW Polo herumschraubte. Ich bin kein Jünger von Enzo Ferrari, der einst sagte: „Aerodynamik ist für Leute, die keine Motoren bauen können.“

Die Nachricht von Deinem baldigen Aus in der Europäischen Union aber hat etwas in mir ausgelöst. Wehmut wäre das falsche Wort. Denn du machst ja, Verbrennermotor, in deiner jetzigen Darreichungsform noch immer jede Menge Krach. Du stinkst, verpestest die Luft, frisst Grünflächen, gefährdest Menschenleben und verstopfst die Städte. Millionenfach in Motorräume geschraubt bist du ein ökologisches Desaster. 70 Prozent der Umweltbelastung entstehen bei deiner Herstellung und Entsorgung, nicht beim Betrieb (das gilt freilich auch für deine elektrischen Cousins).

Und trotzdem umweht mich ein Hauch von Nostalgie, wenn es Dir an den Kragen geht. Nicht, weil ich den Geruch von Diesel am Morgen liebe oder mich aus Prinzip der Erkenntnis verweigere, dass die Menschen sich ändern müssen, um ihre Heimat zu erhalten. Sondern weil das Auto, das Du seit ungefähr 1886 hauptberuflich antreibst, natürlich mehr ist als ein Vehikel. Das Auto ist nicht bloß willfähriges Nutztier. Es ist ein Objekt der Irrationalität, dessen Attraktivität mit Sachargumenten kaum beizukommen ist. Es ist ein Zuhause auf Rädern, eine vertraute Höhle, die selbst auf abwegigsten Pisten im Nirgendwo noch Heimatgefühle erzeugen kann. Es kann eine komfortable Schutzzelle vor den Zumutungen der Welt sein – und nicht bloß eine tödliche „Treibmine im Menschenmeer“, wie die „Zeit“ kürzlich in dünkelhafter Überzuckertheit polterte.

Es klingt paradox, aber ausgerechnet diese fragile Blechkugel, die Du, Verbrennungsmotor, mit 160 Kilometern pro Stunde über ein Asphaltband rasen lässt, gibt Millionen Menschen das Gefühl von Souveränität und Sicherheit. Nur für 11 Prozent aller Autokäufer ist der Klimaschutz das wichtigste Entscheidungskriterium. Zwischen Gefährt und Gefährte liegt im Deutschen eben nur ein Buchstabe. Man mag das peinlich und gestrig finden. Aber es ist, wie es ist. Nicht nur FDP-Funktionäre fahren gerne schnell und weit. Und du, Verbrenner, hattest Deinen Anteil an einer sensationellen Saga.

„Man kann ein Auto nicht wie ein menschliches Wesen behandeln“, hat Walter Röhrl mal gesagt, der mehrfache Rallye-Weltmeister – „ein Auto braucht Liebe.“ Na klar, Röhrl – alter, weißer Mann mit Automeise, nicht gerade das perfekte Rollenvorbild im Jahr 2022. Aber kaum jemand hat die Magie, die manche Menschen in einem schnellen Wagen verspüren, präziser beschrieben als er („Beim Beschleunigen müssen die Tränen der Ergriffenheit waagerecht zum Ohr hin abfließen“).

Gewiss: Nicht das Auto wird abgeschafft, sondern sein veraltetes Antriebsprinzip – also du, Verbrenner. Du bist Vorkriegstechnologie. Deine Zeit ist vorbei. Und damit stirbt schleichend ein Prinzip, das fast 200 Jahre lang die Welt beherrscht hat: die Umwandlung von gezähmten kleinen Explosionen in mechanische Bewegungsenergie zum Transport von Menschen, Gütern, Marmelade – mit massig Reibung und Verschleiß freilich. Ein Elektromotor braucht keinen Luftfilter, keine Zündkerzen, keine Einspritzpumpe, keine Keilriemen, keine Steuerkette. Du bist, Explosionsmotor, als Massenbeschleuniger schon bald Geschichte. (Der Allgemeine Deutsche Sprachverein wollte Deinen „ausländischen“ Namen „Explosionsmotor“ Anfang des 20. Jahrhunderts übrigens eindeutschen – der Vorschlag „Zerknalltreibling“ setzte sich aber nicht durch.)

„Wave goodbye / Wish me well / You got to let me go“, sangen die Killers. Lass mich gehen. Du hast Deine Zeit gehabt, und Du hast sie genutzt – oh boy, das hast Du. Aber du bist eben auch die einzige Technologie, bei der die Deutschen weltweit wirklich konkurrenzfähig waren. Jeder sechste Arbeitsplatz hat mit Dir zu tun, Verbrennungsmotor. Deshalb fällt der Abschied verständlicherweise ein bisschen schwerer als der von der Schallplatte, vom Paternoster oder vom Trockenshampoo. Es nützt ja wenig, wenn zürnende Radler die Liebe der Deutschen zum Auto als gestrigen Spießbürgerstolz bespötteln und das Auto zum Kompensationsvehikel für allerlei individuelle Gebrechen erklären. 10,8 Autos besitzt der Deutsche im Schnitt in seinem Leben. Daran hat sich in den vergangenen Jahren trotz aller Liegefahrrad-Essays aus urbanen Zeitungsredaktionen nichts geändert. „Geschwindigkeit“, schrieb Aldous Huxley („Schöne, neue Welt“), „ist der einzige neue Rausch, den das 20. Jahrhundert erfunden hat“.

„Jede Epoche“, hat der Designtheoretiker Niklas Maak in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geschrieben, „bringt eine Bauform hervor, die ihren Sehnsüchten und Obsessionen eine Form gibt“. Und was in den Sechzigerjahren noch der Supersportwagen mit zwölf Zylindern war, ist jetzt eben das bis zur Schalheit vernünftige E-Auto mit 300 Kilometern Reichweite und einer XXL-Batterie, von der noch niemand weiß, wie und wo sie eines Tages entsorgt werden wird.

Vor ein paar Wochen stand ich in Turin vor einem Nachbau von Carl Benz‘ pferdeloser Kutsche, dem „Benz-Motorwagen Typ 1″ mit Einzylinder-Viertaktmotor im Heck, Stahlrohrrahmen, drei Drahtspeichenrädern und 0,75 PS. Was da stand, war die Keimzelle einer einzigartigen Erfolgsgeschichte – quasi Deinem Urururgroßvater, Verbrennungsmotor.

Ich mochte immer das Analoge an Dir. Die Tatsache, dass sich an Deiner Funktionsweise im Prinzip wenig geändert hat. Kolben, Zylinder, Ventile, Zündspule, Kühlwasser, Nockenwelle, Öl. Und läuft. Und das, obwohl Dir so eine unsichere Zukunft vorhergesagt worden ist. „Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren“, prognostizierte 1901 niemand Anderer als der Autopionier Gottfried Daimler selbst. Und Kollege Carl Benz befand 1920 keck: „Das Auto ist fertig entwickelt. Was kann noch kommen?“ Da hatte das Automobil gerade einmal die Zeit der Kurbel hinter sich gelassen. Von Direkteinspritzung, Airbag, ESP, Turbolader, Einparkhilfe, Klimaanlage, Scheibenbremsen, Servolenkung, Sicherheitsgurt und Bordcomputer war noch keine Rede.

Was zeigt die kleine Galerie der Fehlprognosen? Dass Menschen bei der Bewertung der Zukunft in ihrer eigenen Gegenwart verhaftet sind. Noch 1945 befand Henry Ford, immerhin ein Meister seines Fachs, der VW Käfer sei eine „glatte Fehlkonstruktion“. Von dieser Fehlkonstruktion verkaufte VW schließlich immerhin 21,5 Millionen Exemplare. Niemand weiß, ob Elektroautos tatsächlich der Königsweg der Mobilität sind oder nur eine Brückentechnologie bis zu einer wirklich sinnvollen Alternative, die Schönheit und Vernunft auf das Zauberhafteste verbinden wird.

Sehr geehrter Verbrennungsmotor! Man hat Dich in 150 Jahren optimiert, perfektioniert, zu einer machtvollen Maschine ausgebaut. Doch der Rohstoff, der Dich antreibt, ist endlich. Die Gesellschaft hat sich im Kern für einen anderen Weg entschieden. Du bist das Grammophon der Krafterzeugung, ein Relikt der Mobilitätsgeschichte – geliebt, gehasst, geduldet, aber eben doch: vergangen.

Aber ich glaube nicht an Dein endgültiges Aus. Meine These: Du wirst zum Liebhaberthema. Es wird immer Menschen geben, die Zündschlüssel umdrehen wollen statt Touchscreens zu berühren. Denn verboten wird ja vorerst nur die Neuzulassung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Die großen Hersteller werden verpflichtet, die Emissionen ihrer neu verkauften Produkte auf Null zurückzufahren. Es werden aber weiter Oldtimer durch die Straßen brummen wie gemütliche Hummeln. Was die Schallplatte für Audio-Nerds ist, das wirst Du, Verbrennungsmotor, für historisch interessierte Autonarren und -sammler werden: Du wirst das Vinyl der Mobilität.

Mit freundlichen Grüßen

Imre Grimm

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Von Imre Grimm/RND