Im August 2019 wurde das Quelle-Haus per Tieflader von Winsen an den Kiekeberg gebracht. Damals verfolgten viele Anwohner das Spektakel. (Foto: fw)
Im August 2019 wurde das Quelle-Haus per Tieflader von Winsen an den Kiekeberg gebracht. Damals verfolgten viele Anwohner das Spektakel. (Foto: fw)

Eintauchen in die Vergangenheit

Das Quelle-Fertighaus, das vor zwei Jahren von Winsen nach Ehestorf zog, ist nun am Kiekeberg zu besichtigen

Ehestorf. Die Königsberger Straße im Freilichtmuseum am Kiekeberg ist um eine Attraktion reicher: Ab sofort ist das Quelle-Fertighaus, das bis vor zwei Jahren an der Winsener Mozartstraße stand, dort im Rahmen der Königsberger Straße mit der Einrichtung aus dem Ende der 70er-Jahre für die Besucher geöffnet. Matthias und Christian Gröll, die Ende der 60er dort mit ihren Eltern und ihrem Bruder einzogen und viele Jahre lang lebten, waren bei der Eröffnung dabei.

Zwei Jahre vom Transport bis zur Eröffnung

Zwei Jahre hat es gedauert von der sogenannten Translozierung, also dem Transport des Hauses bis zur Eröffnung an diesem Wochenende. In dieser Zeit war das Haus, das im August 2019 als komplettes Gebäude von Winsen nach Ehestorf auf einem Tieflader reiste und damit das erste Translozierungsprojekt des Freilichtmuseums war, an seinem neuen Platz an der Königsberger Straße gelandet, Garten und Terrasse wurden hergerichtet und das Haus so eingerichtet wie es aussah, als die fünfköpfige Familie Ende der 70er darin lebte.

Diese Aufgabe übernahm Zofia Durda, Leiterin des Projektteams. Sie tauchte dafür tief in die Familiengeschichte ein, durchforstete die Fotoalben, die die Familie dem Kiekeberg ebenso überließ wie die Tagebücher von Gisela Gröll, die mittlerweile zum Lieblingsobjekt der Projektleiterin geworden sind. „Das war wie ein Eintauchen in ein anderes Universum“, sagte Durda anlässlich der Eröffnung.

Eintauchen in die Kindheit vor 40 Jahren

Eingetaucht in ein altes Universum sind Matthias und Christian Gröll, die das Haus im fertigen Zustand am Freitag erstmals sahen. „Es ist ein schönes Gefühl, dass der Nachlass unserer Eltern nicht in alle Winde verstreut oder weggeworfen wurde, sondern dass er hier zu sehen ist“, sind beide sich einig. Auch wenn vieles, was zur Einrichtung gehört, nicht original erhalten ist, sondern mühsam beschafft werden musste, sieht es in ihrem Kinderzimmer noch genauso aus wie vor gut 40 Jahren. Auf der Cola-Kiste steht die alte Stereoanlage neben dem Stockbett, in dem die Brüder lange Jahre schliefen. Daneben stehen die alten Schallplatten, die die beiden sammelten. Ganz vorn ist das von Andy Warhol designte Cover „Sticky Fingers“ zu sehen, samt Original-Reißverschluss. Auch in Regal finden sich Relikte einer Jugend in den 70ern: Gesammelte Cola-Flaschen etwa oder eine ganze Reihe von Drei-Fragezeichen-Bücher, Ernie und Bert aus der Sesamstraße und ein originaler Saba-Kassettenrecorder.

Moderne hält Einzug ins Freilichtmuseum

Ob im grün gefliesten Badezimmer, das auf engstem Raum alles bietet, was man braucht über die Küche, in der der Wasserkesseln noch auf dem Herd steht bis hin zum Arbeitszimmer des Vaters, wo Hunderte von Büchern in den Regalen stehen, werden künftig wohl viele Kiekeberg-Besucher das Gefühl haben, wieder in ihre Kindheit einzutauchen. Landrat Rainer Rempe hofft, damit auch ein neues Publikum für das Museum zu gewinnen. „Das ist eine ganz andere Motivation als nur Historisches zu zeigen“, so Rempe.

„Man musste Sparkassendirektoren und Bürgermeister überzeugen und auch mich“ – Heiner Schönecke, Vorstandsvorsitzender Förderverein Freilichtmuseum am Kiekeberg

Unumstritten war das Projekt, das Quelle-Haus an den Kiekeberg zu bringen, anfangs nicht. „Man musste Sparkassendirektoren und Bürgermeister überzeugen und auch mich“, erinnerte sich Heiner Schönecke, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins des Museums. Inzwischen wird sowohl das Projekt Königsberger Straße als auch die Einbeziehung des Quelle-Hauses als voller Erfolg gewertet.

Das Quelle-Haus setzt den zeitlichen Endpunkt unter die Königsberger Straße, die das Leben in der Nachkriegszeit im Landkreis Harburg nachzeichnet. Mit einen Flüchtlingssiedlungshaus, das im Januar 2021 aus Tostedt transloziert wurde, einem Siedlungsdoppelhaus, dem Quelle-Haus, einer Tankstelle aus den 50ern und einer Ladenzeile, die noch auf ihre Eröffnung wartet, wird die Entwicklung des Kreises gezeigt, der nach dem zweiten Weltkrieg durch den Zuzug von Flüchtlingen geprägt wurde und sich von einer ländliche geprägten Region in einen modernen Landkreis in der Metropolregion Hamburg entwickelte.

Fertighaus war der Weg in die Moderne

Mit dem Quelle-Haus ist nun ein ganz besonderes Haus an der Königsberger Straße zu finden. Das Fertighaus des Versandhauses Quelle stand bereits zwei Jahre lang in Winsen, als Familie Gröll es im Jahr 1968 kaufte und bezog. Die Familie war vorher aus Hamburg zugezogen und hatte in Stöckte gewohnt. „In einem alten Reetdachhaus ohne fließendes Wasser mit Plumpsklo im Hof“, erinnerten sich die Brüder. Die Wohnsituation dort habe vor allem ihrer Mutter zu schaffen gemacht. Dann entschlossen sich Walter und Gisela Gröll das Fertighaus zu kaufen, obwohl die Abneigung der Deutschen gegen Fertighäuser damals tief verwurzelt war und zog von Stöckte in die Moderne.

Besucher hätten sich häufig über die Rillen in der Decke gewundert, die von den Platten herrühren, aus denen das Haus zusammengesetzt ist. Die Grölls ließen diese Rillen unangetastet und so sind sie auch jetzt noch zu sehen. „Entgegen aller Unkenrufe haben wir 50 Jahre in dem Haus gewohnt und jetzt steht es vielleicht noch 50 Jahre lang im Museum“, freuen sich die Grölls, die zur Eröffnung selbstverständlich ihre Familien mitgebracht hatten, die gemeinsam mit den Brüdern in deren ganz persönliche Vergangenheit eintauchen konnten.

Von Franzis Waber

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